Hamburger rote Grütze

Echte Hamburger rote Grütze

Bei roter Grütze scheiden sich offensichtlich die Geister. Jedenfalls fällt das dickflüssige Beerenkompott, welches man inzwischen in allen Restaurants als Nachtisch erhalten kann, für mich nicht unter diese Bezeichnung. Ich kenne etliche Menschen aus Hamburg, denen es ähnlich geht. Das dickflüssige Beerenkompott stammt meinem Vernehmen nach aus Dänemark und wurde seit den siebziger Jahren (jedenfalls reicht meine Erinnerung so lange) in Plastiksäckchen im Supermarkt angeboten. Auch wenn ich der dänischen Küche nicht zu nahe treten möchte, es hat uns Kindern nicht besonders geschmeckt, und das geht mir bis heute so. Daher hier das Rezept meiner Kindheit.

Man nimmt einen Beerensaft. Zum Beispiel den Rest, wenn bei der Abfüllung des Brombeersafts etwas übrig geblieben ist. Dieser wäre allerdings zu konzentriert, man sollte ihn für die Grütze besser noch mit ein wenig Wasser verdünnen. Wenn wir uns früher zum Besuch angesagt haben, hat meine inzwischen leider verstorbene Tante immer schnell Johannisbeeren gepflückt und erst zu Saft, dann zu Grütze gekocht. Auf einen halben Liter Saft, dem schon ausreichend Zucker zugefügt worden ist (Menge nach Geschmack), nimmt man entweder 40 g Speisestärke oder 40 g Vanillepuddingpulver. Saft und Pulver verarbeitet man nach Packungsanleitung zu einem Pudding. Abgekühlt ißt man die Grütze mit Sahne oder Milch. Vanillesoße kommt in meiner Erinnerung im Zusammenhang mit roter Grütze nicht vor. Die Grütze kann als vollständige Mittagsmahlzeit dienen.

Einige ältere Hamburgerinnen haben mir erzählt, dass früher unter die fertige, noch warme Grütze frische Erdbeerstücken gerührt wurden. Das habe ich nie probiert, soll aber gut schmecken. Die einzige Grütze, die meiner Kenntnis nach Fruchtstücke enthält, ist Stachelbeer- oder Rhabarbergrütze. Man putzt das Obst (der Rhabarber wird zerkleinert) und setzt es mit Wasser und Zucker auf. Wenn es zerfällt, die ausreichende Menge Puddingpulver oder Speisestärke unterrühren – fertig.

Warum heißt „rote Grütze“ „Grütze“? Es gibt bestimmt wissenschaftliche Untersuchungen darüber, die ich jedoch nicht kenne. Hier meine Vermutung: „Grütze“ hängt etymologisch mit „grob“, „groß“ und „Grieß“ zusammen und bezeichnet grobgemahlenes Getreide. Es ist in Hamburg und Norddeutschland üblich, einen dicken Brei aus Buchweizengrütze – also grob gemahlenen Buchweizen – zu kochen und ihn mit Zucker bestreut und Milch begossen zu Mittag zu essen. Für diesen Brei hat sich die Bezeichnung „Grütze“ durchgesetzt. Ich nehme an, dass der rote Fruchtbrei, der von Konsistenz und Verwendung her dieser Grütze sehr ähnelt, analog so bezeichnet wurde. Die Konsistenz war uns Kindern übrigens sehr wichtig, sie gleicht der von Götterspeise. Schon deshalb ist das übliche dickflüssige Beerenkompott in meinen Augen keine Grütze. In russischen Kochbüchern gibt es etwas, das man Kissel nennt, und das ziemlich ähnlich wie meine rote Grütze zubereitet wird. Welche Kultur nun die andere beeinflusst hat oder ob einfach verschiedene Leute auf die gleiche Idee gekommen sind, kann ich nicht sagen.

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2 Gedanken zu „Echte Hamburger rote Grütze“

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